Interview mit Leuten aus Limbach-Oberfrohna

eine sache die uns sehr am herzen liegt:

Hallo Leute! Ihr organisiert Anfang Januar ein Konzert mit Feine Sahne Fischfilet, Egotronic und Supershirt in Limbach-Oberfrohna. Das hier lesen ja eher Leute die nicht in Limbach-O. wohnen. Warum sollten Sie zu eurer Show kommen?

Die Leute sollten erst einmal zahlreich erscheinen, um klasse Bands für einen geringen Preis zu sehen! Dass dies alles in L-O stattfindet ist dann eher das Sahnehäubchen! Es ist einfach wichtig, dass wir in dieser Stadt zeigen, dass wir da sind. Dass es noch etwas anderes in der Provinz gibt, außer Dorffeste, Vorurteile und Naziterror. Wir wollen in dieser Region etwas verändern. Und wenn wir bei diesem Konzert alle Besuchermarken sprengen, kann ja nix mehr schief laufen, oder?

Euer Dorf ist ja als übles Nazinest verschrieen. Wie ist es da mit Konzerten die sich ganz klar gegen Rechts abgrenzen? Gibt es da Probleme mit den Nazis? Für die ist das doch ’ne Provokation. Habt ihr schon öfters Konzerte gemacht und Erfahrungen in die Richtung gesammelt?

Ja, wir haben 2007 und 2008 schon einmal Konzerte im Jugendhaus Rußdorf organisiert – beides Punkkonzerte. Bei beiden Konzis kam es zu Übergriffen und Überfällen auf die Konzertbesucher durch Nazis. Die kamen mit Autos angefahren und haben erst einmal rumgeprollt. Einen Moment später haben sie sich wie wild durch die Massen geboxt und sind dann wieder los. Dann hängen sie am Konzerttag immer in der Nähe des Veranstaltungsortes rum und versuchen Konzertbesucher einzuschüchtern.

Außerdem veranstalten wir seit 2009 mit unserem Verein „Soziale und politische Bildungsvereinigung Limbach-Oberfrohna“ e.V. das Stay Rebel Fest auf dem Marktplatz von Limbach-Oberfrohna. Einfach um den Nazis für einen Tag im Jahr den größten öffentlichen Platz in L-O. zu nehmen. Da gibt’s den Stress eher am Wochenende später wenn nicht mehr so viele Leute in der Stadt sind.

Das hört sich alles nicht so schön an. Muss man Angst haben wenn man an diesem Abend nach Limbach-O. kommt? Was würdet Ihr BesucherInnen aus anderen Städten empfehlen?

Nein, Angst im Nacken muss man bei dem Konzert keine haben. Durch Security und scharfe Augen haben wir das Gelände voll unter Kontrolle. Außerdem wird rund um die Uhr am Einlass geprüft, dass keine unerwünschten Gäste reinkommen und mit uns feiern. Da sich die Anreise mit Bus und Bahn als äußerst schwierig erweist, wäre es besser man reist mit dem Auto an. Denn wer hat schon Bock 30 Minuten Abends durch die wunderschöne Innenstadt zu flanieren?

Wir haben die Beiträge von ARD und MDR über eure Stadt gesehen. Das sah wirklich schrecklich aus. Ist es für alternative Jugendliche wirklich so gefährlich vor Ort? Was macht Ihr denn dann den ganzen Tag?

Alternativ aussehen und alternativ sein ist schon ein großer Unterschied.
Es gibt hier mittlerweile viele Typen, gerade mal 15 Jahre alt, mit Tunnel, Basecap, Piercings und enge Holzfällerhemden, bei denen im Schüler CC-Profil steht “ Wir werden Siegen“; „AN-LO“ oder „NS-JETZT!“. Mit den Faschos sollte man sich in der Stadt hier generell gut / neutral stellen. Wenn man zu ihren Freunden gehört oder zumindest mit Freunden von ihnen befreundet ist, kriegt man beim Stadtparkfest oder beim Weihnachtsmarkt keine aufs Maul. Limbach-O. ist sehr klein – hier wohnen 22.000 Einwohner. Hier lässt sich schnell zuordnen, wer auf einer Seite steht. Alle kennen sich – entweder schon aus dem Sandkasten oder halt aus der Schule.

Wenn wir mal Bock auf feiern haben, gehen wir generell nur auswärts weg. Wir haben es lange genug probiert, auch auf die Dorffeste, Parkfests und Abi-Partys zu gehen, aber irgend wann hat man keinen Bock drauf, immer auf die Fresse zu kriegen. Selbst die eigenen Schulkumpels greifen nicht ein, aus Angst vor nachträglicher Gewalt. Und jedes mal steht man alleine da, als junger bunthaariger und wird somit von selbst isoliert und ausgeschlossen. Wenn man dann sozusagen als solcher „geoutet“ worden ist, was durch Social-Networks generell schnell passiert, war’s das erst mal. Dann kann man nur noch zu uns kommen…

Wir haben schon miterlebt wie wir alle umgeboxt wurden und sie Leuten von uns die Zähne ausgeschlagen haben. Und dann sagen die besten Freunde zu dir: “ Hey, du bist echt mein bester Freund, aber ich hab‘ keinen Bock mit dir jetzt heim zu laufen, da gibt’s ja sowieso wieder Stress.“

In so einem Klima wird jede Kleinigkeit zur politischen Tat und somit zur Provokation. Wenn du noch schnell im Edeka was einkaufen gehst, zeigst du damit gleich Präsenz in der Stadt. Oder wenn du mit einem Vereinsmitglied zusammenlebst, hast du gleich ’ne WG in der nach zwei Wochen die Scheiben durch sind, wenn du diese nicht vergitterst. Da wir in der Stadt mittlerweile ein paar Leute sind ist man da ’ne feste Gruppe mit der man auch mal was unternimmt. Jeder von uns hat trotz der beschissenen Verhältnisse immer noch Bock auf politische Arbeit.

Wie haben es die Nazis Eurer Meinung nach geschafft, so stark zu werden in Limbach?

Es gab‘ eben nie einen starken Widerstand in L-O. Seit 1990 gibt es gefestigte Nazistrukturen in der Stadt. Jeder hat weg geschaut oder mitgemacht. Die Stadt wollte Jahrzehnte lang nichts sehen und hat geschwiegen. Sowas ist dann einfach generationsübergreifend – die nächsten Nachzügler bekommen Rückendeckung von den älteren Nazis.

Eure Konzerte richten sich bewusst an alle außer Nazis. Ihr versucht musikalisch nicht zu Schubladenmäßig rüber zu kommen und verschiedene Musikstille zu bedienen. Meint Ihr, es gibt Bedarf in Limbach-O. nach Freizeitangeboten jenseits von Konsumzwang und Nazistress?

Ja, unsere ersten Konzertversuche mit Punk-Musik waren zwar allesamt gelungene Parties, es kamen aber trotzdem nur Leute von außerhalb. An der Lage in Limbach hat sich gar nix getan. Wir wollen einfach allen Jugendlichen in L-O zeigen, dass es keine Normalität ist, dass Thor-Steinar Klamotten immer und überall akzeptiert werden. Wir haben einfach Bock, echte antifaschistische Attitüde in alle Stile einzubringen, wo sie hingehört. In die Jugendhäuser, auf die Staße, in die Köpfe. Wir wollen, dass „GEGEN NAZIS“ nicht nur als Badge auf dem Rucksack eines Suffpunkers wahrgenommen wird. Und, dass die, die Nazis und Faschisten sind, auch als solche benannt werden.

Ob die große Masse unser Angebot zwingend brauch, ist sicher fraglich, denn wir hören keine Schreie nach etwas Neuem. Hier sind doch alle froh, wenn sie auf der Abi-Party wie die Hunde bechern können. Aber wir sind es den Jüngeren irgendwie schuldig, eine Alternative zu bieten und ihnen eine Wahl zu lassen, ob man sich mit Nazis arrangieren will oder nicht.

Unterstützt die Stadt euch irgendwie? Immerhin erfüllt ihr mit eurer Arbeit ganz nebenbei diese wichtigen zivilgesellschaftlichen Aufgaben von denen jetzt gerade wieder so viele Politiker sprechen?

Nein, bis 2010 wurde jeder Übergriff totgeschwiegen oder runter gespielt. Im Stadtspiegel, eine Publikation der Stadt, die an alle Haushalte geht, stand sogar, dass wir uns selber die Scheiben des Infoladens eingeschlagen hätten. Die Polizei hat mal eine Pressemitteilung rausgegeben, wo drin stand, sie hätten im Infoladen Sprengstoff gefunden. Das war totaler Quatsch – es handelte sich um Dünger – und konnte schnell widerlegt werden. Trotzdem wurde diese Mitteilung einen Monat später noch in diesem Stadtspiegel abgedruckt.

Uns werden auch immer wieder juristische Steine in den Weg gelegt, die unseren Aufbau neuer Kultur in L-O extrem erschweren. Jetzt hier noch mal alle Details runter zu beten ist müßig. Wer interessiert ist, soll sich einfach mal die Beiträge vom MDR auf Youtube anschauen. Dort kommt ja der Bürgermeister zu Wort.

Wie können Leute euch unterstützen?

Kommt zu unseren Veranstaltungen, schreibt uns ’ne Mail, quatscht uns an oder bringt Ideen ein. Zeigt uns auch mal eure Situation, denn L-O ist doch nur eine von vielen Städten, in denen es so abläuft. Achja…. – SPENDEN, damit wir eben auch mal MINUS-Veranstaltungen machen können, denn um Gewinn geht’s hier schon lange nicht mehr!
--> fuer spenden bitte hier entlang!!

Vielen Dank! Wir sehen uns am 7. Januar!

was gibt es da noch zu ueberlegen?